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LSC Ringvorlesung | Dagmar Schmelzer (UR) Cricket, Eishockey, Lacrosse – Fußball? Die spielerisch-sportliche Austragung (inter)kultureller Konkurrenzen in quebecer Selbsterzählungen

Wann? Mittwoch, den 20. Mai - 14:15-15:45

Wo? H5 - UR Campus

Dieser Vortrag ist Teil der Ringvorlesung „Sport, Politik, Konflikt“, organisiert vom Leibniz-WissenschaftsCampus „Europa und Amerika“. Jeder Termin steht allen Mitgliedern der UR und des IOS sowie auch der allgemeinen Öffentlichkeit offen. Studierende der UR können sich für die Veranstaltung anmelden und Leistungspunkte erwerben.

Hörsaal H5 befindet sich im unteren Teil des Zentralen Hörsaalgebäude (Nähe Audimax). UR Campus-Plan 


Abstract | Den Fußball, „football ou soccer ou calcio“ als ihre „mythologie sportive“, habe die italienische Community nach Montréal gebracht, stellt der Dokumentarfilm Dimanche d‘Amérique (1961) fest, eine Folge der Serie Temps présent des National Film Board, die wie keine andere das Selbstbild der quebecer Gesellschaft der 1960er Jahre prägte. Wie auch anderswo im British Empire: Wo die britische Präsenz stark war, brachte die koloniale Oberschicht mehr das Cricket mit als das Fußballspiel (Pfister; Turcot). Cricket – nach Bourdieu ein kontaktarm-aristokratischer Sport – ist denn auch so stark mit dem Stereotyp der anglophonen Kanadier verbunden, dass die sympathischen frankokanadischen Dörfler im Erfolgsfilm La Grande Séduction (2003) den Arzt Christopher aus Montréal mit ihrer – stümperhaften – Expertise in dieser Sportart ködern. Das frankophone quebecer Nation Building von Temps présent setzte dementgegen auf die körperlichen Sportarten Wrestling (La Lutte, 1961) und Boxen (Golden Gloves, 1961), in denen sich Wettkampf, Aufstiegschancen und Spektakel für die städtischen Unter- und Mittelschichten verbinden.
Der Beitrag analysiert anhand von Film- und Literaturbeispielen, wie in Québec in der humorig bis ernsten, ‚weichen‘ bis ‚harten‘ Identitätsverhandlung über Sport (und Sportfolklore) ethnisch-kulturelle Konflikt- und Konvergenzlinien die sozialen kreuzen (cf. Johler). Natürlich darf da das autochthone Lacrosse genauso wenig fehlen, wie der kanadische Nationalsport Eishockey, in dem die sportliche Konkurrenz – und Konfluenz – der Identitäten, Mythen und Legenden transnational im nordamerikanischen Raum der NHL zur Austragung kommt.

Dagmar Schmelzer ist romanistische Literatur- und Kulturwissenschaftlerin an der Universität Regensburg, u.a. mit einem Forschungsschwerpunkt zu den Québec-Studien. Das Interesse ihrer literatur-, film- und kulturwissenschaftlichen Forschung gilt dabei zentral der Konstruktion, Performanz, Erzählung und Verhandlung individueller, generationeller und kultureller Identitäten. Ihre Habilitation befasst sich mit der Performanz von (kollektiver) Identität über Raumpraktiken in den Reiseberichten des Romantikers François de Chateaubriand. Mit Susanne Greilich hat sie 2022 unter dem Titel „Culture clash“ einen Band zum Humor in der französischen Gegenwartskultur vorgelegt. Ihre Beiträge zu den Québec-Studien gelten den Dokumentarfilme des NFB ebenso wie der Erzählliteratur der sino-quebecer Autorin Ying Chen, der Innu-Schriftstellerin Naomi Fontaine und der frankokanadischen Kanonautorin Anne Hébert, jeweils mit Fragestellungen zur Behandlung von Raum, Zeit, der Leseradressierung und der Problematisierung und Performanz von Identität(en).

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